“Letztlich sind wir eine Phantasie von jemand anderem": Zur Frage einer neuen israelisch-berlinerischen Kultur

Will Deutschland uns Israelis wirklich oder sind wir einfach nur das, was am nächsten dran liegt an dem, „was einmal war“, den „guten alten Zeiten“? Wollen wir „Deutschland“ oder gerade „Berlin“ als „Nicht-Deutschland“? Elad Lapidot und Ofri Ilany legen die Grundlagen für eine Debatte über die Möglichkeiten einer neuen israelisch-berlinerischen Kultur

Ofri: Überall ist die Rede vom „Phänomen der Israelis in Berlin“. Das kommt in Wellen, und die letzte große Welle war der „Milky-Protest“ vor einem Jahr. An und für sich war das ein interessantes Phänomen: Die Deutschen, die sich selbst sehr gern der Frage „Wie sehen wir aus?“ widmen, entdeckten zu ihrer Überraschung, dass Deutschland ein neues Etikett bekommen hat: die Billigpudding-Nation. Das hätten sie sich nie träumen lassen. In jedem Fall stellten der „Milky-Protest“ und seine Protagonisten das Übersiedeln von Israelis nach Berlin in den profansten, materialistischsten Kontext, der möglich ist. Das ist nicht schlecht – materielle Beweggründe sind zumindest einer der wichtigsten Bedingungsfaktoren der Geschichte, ebenso wie von Mythos und Gedächtnis. Wenn deutsche Forscher oder Journalisten mich fragen (das passiert mir ab und an), wie sich „die Israelis in Berlin“ zur „deutschen Vergangenheit“ verhalten, antworte ich ihnen gewöhnlich: Ich weiß es nicht; ein Teil verhält sich so dazu, ein anderer so, aber am Ende wollen die Leute in Wohlstand leben und fühlen, dass sie eine Zukunft haben. Und daher verlassen Leute Israel und ziehen nach Berlin.

Gleichzeitig sollte man sich vom „Milky-Protest“ nicht täuschen lassen. Selbstverständlich gibt es bestimmte Bedingungen, dank derer wir hier sind. Wäre Deutschland nicht daran interessiert, dass Israelis ins Land kommen und dableiben, wäre das nicht passiert, jedenfalls nicht in diesen Ausmaßen. Und hier stellt sich die Frage: Warum will Deutschland uns? Die Antwort darauf scheint klar: Die Tatsache, dass Israelis Deutschland mögen, bestätigt den Deutschen, dass sie sich geändert haben, dass sie bereits ein „anderes Deutschland“ verkörpern usw. Aber mir scheint, dass das nicht alles ist. In mancher Hinsicht, wollen die Deutschen wieder so sein wie in der Vergangenheit, zu dem Zustand zurückkehren, wie er vor der Katastrophe des 20. Jahrhunderts war. Man denke nur an den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses Unter den Linden. Das Schloss wird zwar nicht vollständig rekonstruiert, aber doch seine Fassade, so dass es aussieht „wie es einmal war“.

Und wenn sie versuchen, sich den alten Glanz wiederzugeben, sind sie mit dem Fehlen der deutschen Juden konfrontiert. Bevor nicht die deutschen Juden zurückkehren, wird Deutschland nicht wirklich so sein „wie in den guten alten Zeiten“. Also versucht man irgendwie neue Juden heranzuzüchten. Ein deutscher Forscher, den ich kenne, hat das als „Wiederaufforstung“ bezeichnet. Und im Forstwesen kennen sich die Deutschen aus. Nur lassen sich die deutschen Juden nicht zurückholen. Es gibt sie nicht mehr. Sie sind wie eine Baumart, die fast gänzlich bei einem Brand ausgerottet wurde. Was tut man also? Man bringt ähnliche, artverwandte Bäume. Man holt sich ein paar polnische Juden, russische Juden, und schließlich auch Israelis. Hauptsache, man kann eine Synagoge fotografieren und sagen: „Es gibt wieder jüdisches Leben in Deutschland.“ Hauptsache, dass es so aussieht „wie es war“. Aber sind wir Israelis wirklich in der Lage, diese Funktion zu erfüllen, die des Lückenbüßers für Mendelssohn, Einstein und Rosenzweig? Ich fürchte nein. Ich stehe vor dem Spiegel und sage mir: Nein, ich sehe nicht wie Walther Rathenau aus. Was das angeht, bin ich gescheitert. Mir scheint, irgendwie wissen das auch die Deutschen, und vielleicht wollen sie dieses Scheitern auch ein bisschen.

Sind wir Israelis wirklich in der Lage, die Funktion des Lückenbüßers für Mendelssohn, Einstein und Rosenzweig zu erfüllen? Ich fürchte nein

Elad: Du weist ganz richtig auf die Bedeutung materieller Faktoren innerhalb des historischen Prozesses hin. Die Materie ist zentral, aber es gibt auch, was du „Bedingungen“ von Willen oder von Sympathie nennst, d. h. eine Reihe von Bildern, Wünschen und Vorstellungen, die die Interaktion zwischen Israelis und Deutschland überhaupt erst ermöglichen und ebenso gestalten.

Du sagst: „Deutschland will uns“, und ich würde ergänzen: „Und wir wollen Deutschland.“ Und schon bei diesem anfänglichen Denkschritt sollte man vielleicht innehalten und überlegen, warum das Phänomen eigentlich nicht „Israelis in Deutschland“ genannt wird, sondern „Israelis in Berlin“. Nicht dass es nicht auch andernorts in Deutschland Israelis gibt, aber „Berlin“ kommt hier eine sehr zentrale Bedeutung zu. Das heißt, wir wollen nicht wirklich Deutschland, sondern Berlin. Tatsächlich ist es vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften von „Berlin“, dass es ein „Nicht-Deutschland“ ist. Es ist nicht so, dass wir zu Deutschen geworden sind, selbst wenn wir einen Pass bekommen haben. Und deswegen sind wir weiter „Israelis“, und womöglich ist Berlin der Ort, der uns überhaupt ermöglicht, eben das zu sein, einen Traum oder eine Phantasie von „Israelitum“ in einer Weise auszuleben, wie es im real existierenden Israel selbst nicht möglich ist. Und dieselbe Überlegung lässt sich auch an die Deutschen herantragen, die vielleicht auch nicht exakt „Juden in Berlin“ wollen, sondern „Israelis in Berlin“. Und parallel dazu wiederum sind womöglich in ihrer Sicht „Israelis“ eigentlich „Nicht-Juden“, d. h. nicht einfach Menschen, die keinerlei Beziehung zum Judentum haben (wie etwa Emigranten aus Vietnam), sondern gerade Juden, die einverstanden sind, zu etwas anderem zu werden; wobei noch nicht ganz klar ist, zu was − aber doch zu etwas von der historischen und fremden Figur des europäischen Juden ganz Verschiedenem, zu etwas, das dem historischen Juden sogar entgegengesetzt ist. Und diese, leichter zu liebende neue Figur nennt man „Israelis“.

Lior Wilentzik, Sukkah, 2015 aus der ID Festival-Ausstellung „Heritage Pop up“ von „Die asporas“

Lior Wilentzik, Sukkah, 2015
aus der ID Festival-Ausstellung Heritage Pop up von Die Asporas

Ofri: Ich stimme dir zu, dass Berlin es wieder möglich macht, „Israeli“ zu sein. Und das, nachdem sogar der israelische Staatspräsident gesagt hat, dass es eigentlich gar nicht mehr so etwas wie „Israelis“ im herkömmlichen Sinne gibt, d. h. Leute, die in irgendeiner Form zu dem gehören, was man „israelische Kultur“ zu nennen pflegte. Denn bald wird die Bevölkerung zu je einem Drittel aus Ultraorthodoxen, Palästinensern und „Zionisten“ bestehen, wobei auch letztere Gruppe sich in Wirklichkeit aus vielen (teils deckungsgleichen) Untergruppen zusammensetzt – Aschkenasim [Juden europäischer Abstammung], Misrachim [Juden nordafrikanischer und nahöstlicher Abstammung], Säkularen, Nationalreligiösen, Siedlern, Einwanderern aus der früheren Sowjetunion, Einwanderern aus Äthiopien usw. Vor diesem Hintergrund erscheint es denkbar, dass Berlin zu einem gewissen Zeitpunkt der zentrale Ort sein wird, an dem es überhaupt noch eine „israelische Kultur“ im Sinne einer säkularen Kultur gibt. Insofern glaube ich schon, dass Aktivitäten auf Hebräisch (wie die Veranstaltungen von „HaGymnasia“, die ich mit organisiere, das „Spitz“-Magazin, die hebräische Bibliothek usw.) an sich einen Wert haben – nicht nur, um die Bedürfnisse der Gemeinde zu befriedigen, sondern auch als Schutzraum für eine bestimmte Kultur. Vielleicht ist es symbolisch, dass letzten Monat in Friedrichshain ein „Café Tamar“ eröffnet wurde, nachdem das berühmte „Café Tamar“ in der Tel Aviver Sheinkin-Straße seine Pforten schloss und seine Inhaberin, die mythologische Sarah Stern, verstarb.

Andererseits sollten die Dinge natürlich auch nicht idealisiert werden. Man kann sagen, dass die israelische Kultur in Berlin sehr aschkenasisch und sehr säkular ist. Insofern hat sie womöglich etwas Anachronistisches an sich. In mancher Hinsicht stellt das „Phänomen Berlin“ das – zwischenzeitlich – letzte aschkenasische Aufbäumen dar. Wie erklärt sich das? Es ist klar, dass die Überrepräsentation von Aschkenasim unter den Israelis in Berlin mit dem sozioökonomischen Profil der hiesigen Israelis zu tun hat und auch mit der großen Anzahl derer, die einen europäischen Pass besitzen. Aber auch der deutsche Blick spielt hierbei eine Rolle. Am Ende wollen die Deutschen in erster Linie mit aschkenasischen Juden sprechen, jenen also, mit denen noch eine Rechnung offen ist. Was die anderen betrifft – Misrachim und Araber –, so haben die nicht das Gefühl, dass sie irgendein besonderes Verhältnis pflegen müssen, da sie an keiner Opfer-Täter-Beziehung teilhaben. In gleicher Weise wird auch von den übrigen Migranten in Deutschland – insbesondere den Türken – nicht erwartet, eine Meinung zu Juden oder Israelis zu haben, da sie „nichts mit der Geschichte zu tun haben“. Dies stellt freilich keinen Hinderungsgrund dar, gerade sie am Ende des Antisemitismus zu beschuldigen.

Hin und wieder sollte man sich daran erinnern: Berlin liebt mich nicht, weil ich begabt oder klug bin, oder weil ich gutes Englisch spreche oder gar weil ich einen schönen Arsch habe. Es liebt mich wegen Erzvater Abraham und Heinrich Himmler

Elad: Hier berührst du das vielleicht größte Paradox dieses ganzen Phänomens – die Israelis, die Israel zugunsten von Berlin verlassen haben, sind sozusagen die, die sich am weitesten von Israel, vom zionistischen Projekt entfernt haben, d. h. nicht einfach an einen anderen Ort gezogen sind, sondern genau an den Ort, dessen Unmöglichkeit als Wohn- und Lebensort das große Symbol der Judenstaatsideologie darstellte (die eben deshalb überhaupt nicht als Ideologie, sondern als logische Notwendigkeit der Realität aufgefasst wurde). Gewiss ist das auch der Grund, weswegen das Phänomen „Israelis in Berlin“ in der israelischen Gesellschaft so viel Interesse und auch Besorgnis erregt. Daher konnte auch so ein Unsinn wie die Milky-Geschichte gleich als Protestbewegung verstanden werden. Das Phänomen erscheint wie der Anfang einer existenziellen Gefahr, einer Verneinung der Existenzberechtigung des Staates. Das Paradox liegt darin, dass sich in Wirklichkeit gerade bei jenem „Gefahrenfaktor“, den Israelis in Berlin, eine Bewegung erkennen lässt, das „Israelitum“ zu reinigen und zu läutern – fast könnte man sagen: unter idealen Laborbedingungen.

Du betonst zu Recht, dass sich in soziologischer Hinsicht genau jene Elemente identifizieren lassen, die die ursprüngliche nationaljüdische Bewegung getragen haben, dieselben „alten Eliten“. Und eigentlich ist unklar, wovon genau „die Israelis in Berlin“ sich distanzieren: wirklich vom Projekt Israel, dem zionistischen Projekt eines jüdischen Nationalstaats, oder im Gegenteil – von dem gescheiterten Versuch, dieses Projekt zu verwirklichen, eben aus dem Wunsch heraus, es in reinerer Form zu verwirklichen.

Und hier überkommt mich oftmals ein Unbehagen, wenn ich bei vielen „Kulturprojekten“ der „Israelis in Berlin“ Grundlagen erkenne, die mit dem nationalen Projekt verbunden sind, wie der Hebraismus oder die Beschäftigung mit den Konzepten von „Kultur“ und „Identität“. Das mag natürlich mit sehr persönlichen Auseinandersetzungen zu tun haben, die ich auch mit mir selbst führe, etwa im Hinblick auf meine hebräischen Übersetzungen deutscher Philosophie. Und daher erlaube ich mir, die Frage auch an das „Gymnasia“ oder das Spitz-Magazin selbst heranzutragen: Im gleichen Moment, in dem ich daran teilnehme und teilhabe, frage ich mich, inwieweit hier eine Rückkehr zur Haskala-Bewegung vorliegt oder mehr noch eine Art Kulturzionismus à la Ahad Haam. Ich kann mich des Marxschen Gedankens nicht erwehren, wonach sich große weltgeschichtliche Tatsachen beim ersten Mal als Tragödie und beim zweiten Mal als Farce ereignen. Warum als Farce? Vielleicht weil man die Wiederholung einer historischen Tatsache oder Entwicklung in Anbetracht der Tragödie des ersten Mals gar nicht mehr ernst meinen kann.

Es ist unklar, wovon genau „die Israelis in Berlin“ sich distanziert haben: vom zionistischen Projekt oder ganz im Gegenteil – von dem gescheiterten Versuch, dieses Projekt zu verwirklichen, eben aus dem Wunsch heraus, es in reinerer Form zu verwirklichen

Ofri: Anders als du habe ich keine so große Angst vor kulturellem Nationalismus. In gewisser Hinsicht besteht tatsächlich eine interessante Ähnlichkeit zwischen der gegenwärtigen Situation und der der zionistischen Juden in Deutschland vor der Shoah. Ein Teil der deutschen Juden bemühte sich um eine hebräische Kultur, wobei jedoch die meisten in Deutschland zu bleiben beabsichtigten. Das heißt, ihr Zionismus zielte vor allem auf ein kulturelles Projekt in Europa, wenngleich Palästina dafür eine Art Sehnsuchtsort darstellte. Heute gibt es in Deutschland Juden, die vom Zionismus geprägt sind, deren Kultur und Lebensform Resultat des Zionismus sind, aber sie leben in Deutschland. Insofern ließe sich statt von einer Geschichte, die sich wiederholt, vielleicht eher von einer Spiegelung sprechen bzw. einer Rückwärtsbewegung, wie man einen Film oder einen Song zurückspult: Der Zionismus, der in Europa entstanden ist, kehrt allmählich nach Europa zurück. Klar, dass dabei eine Menge Probleme auftreten, und man muss nicht eigens darauf hinweisen, dass zwischen diesen beiden historischen Punkten Katastrophe und Vernichtung legen. Und dennoch ist dies vielleicht im Vergleich zu den anderen Möglichkeiten die fruchtbarere Art und Weise, die Lage darzustellen.

Ein Teil des Zaubers der „Israelis in Berlin“ ist das Dynamische und Fluide an diesem Phänomen. In dieser Hinsicht ist es die ultimative Verkörperung des Zeitalters der Globalisierung, der Migration und der gespaltenen Identitäten. Die Rede ist von Leuten mit unterschiedlichsten Graden von Zugehörigkeit – von solchen, die für ein paar Wochen zu Besuch kommen, bis hin zu deutschen Staatsangehörigen, die ihre ganze Existenz hierher verlagert haben. Mehr als um israelische Deutsche handelt es sich hier letztlich um Leute, die nicht mehr Israelis und noch nicht Deutsche sind. Ich kenne einige junge Israelis mit deutscher Staatsbürgerschaft, die vom Jobcenter unterstützt werden. Die Angestellten dort tadeln sie, versuchen sie zur Ordnung zu rufen: „Sie müssen etwas lernen, arbeiten, ein guter Bürger sein. Schließlich sind Sie deutscher Staatsbürger.“ Der Angestellte nimmt ihr Deutschtum sehr viel ernster als sie selbst, da sie sich nicht wirklich der deutschen Staatsräson verpflichtet fühlen. Sie sind zwar Staatsbürger, aber keine Deutschen. Und das ist letztlich positiv. Es gibt in Deutschland genug gute Bürger. Ich bin kein Anhänger von jenen Israelis, die sich bemühen, innerhalb von zwei Jahren die Mentalität des deutschen Kleinbürgers anzunehmen, der auf Recht und Ordnung pocht und Ausländern misstraut.

Mitunter hat man das Gefühl, Israelis in Berlin kompensieren den Eskapismus und die Entpolitisierung durch eine Hyperpolitisierung – aus der Ferne – im Hinblick auf die Lage in Israel. In Wirklichkeit ist das ein Weg, hier zu leben, ohne hier zu sein

Elad: Man sollte Kritik und Pessimismus auseinanderhalten. Auch ich suche grundsätzlich das Licht in dieser Situation, aber mir scheint hier doch eine große Ambivalenz vorzuliegen, und darum versuche ich das genaue Wesen dieser Bewegung zu klären, und ob sie wirklich aus der Finsternis ins Licht führt. Schließlich gibt es tatsächlich viele Israelis, die am Ende wegen „Milky“ oder wegen des Immobilienmarkts gekommen sind und keinerlei politisches Problem in Israel sehen. Es gab sogar einen Israeli, der sich öffentlich mit der Pegida-Bewegung solidarisiert hat. Und wer sich ja von der politischen Finsternis entfernen will – von welcher Politik genau, und inwieweit ist sie eigentlich nicht europäische Politik, die Politik des kleinbürgerlichen und fremdenhassenden Deutschtums, wie du gesagt hast? Eben diese Finsternis aber fällt es mir schwer nicht mit der nationalen Bewegung zu identifizieren, und daher fällt es mir schwer, in der Erneuerung des Zionismus – und sei er „kulturell“ – eine Quelle des Lichts zu erblicken.

Und wenn ich schon die Rolle des Spielverderbers angenommen habe – ich habe auch Zweifel am Zauber der fluiden Dynamik des Globalisierungszeitalters. Hier ist viel Illusion im Spiel, wie das Phänomen der Flüchtlinge und Asylsuchenden zeigt, die gegen die Festung Europa anrennen. Und diese Illusion nährt auch eine Art von Eskapismus und Entpolitisierung, eine Abkoppelung und Entfremdung von der lokalen Umwelt, in der man lebt. Und unterwirft sich, wer von der Unterstützung des deutschen Staates zu leben bittet, nicht sowieso der Logik des deutschen Staates? Das meint nicht, dass er Ja und Amen zur gegenwärtigen deutschen Politik sagen muss, beileibe nicht; aber es meint doch, das er innerhalb ihrer zu einem aktiven Faktor wird, wodurch ihm auch Verantwortung zukommt. Dieser Verantwortung dadurch auszuweichen, dass man sich auf sein „Israelisein“ beruft, erscheint mir sehr problematisch. Mitunter hat man das Gefühl, dass die Entpolitisierung innerhalb Berlins, Deutschlands und Europas kompensiert wird durch eine Hyperpolitisierung – aus der Ferne – im Hinblick auf die Lage in Israel. Als ob ich meine gesellschaftliche Pflicht dadurch erfülle, sehr kritisch gegenüber Israel zu sein, während dies in Wirklichkeit ein Weg ist, hier zu leben, ohne hier zu sein.

Wo liegt also trotz alledem das Licht? Du hast auf eine interessante Richtung hingedeutet – das spiegelbildliche Verhältnis zwischen dem Auszug aus Deutschland/Europa und der Rückkehr nach Deutschland/Europa. Was genau ist während der Jahre des „Übergangs“ in Israel geschehen? Lässt sich hier auf irgendeinen Moment der Befreiung, der Genesung, des Wachstums oder gar der Erlösung verweisen? Und wenn ja, auf welche Erlösung? Wenn dies eine Erlösung von der Idee des Nationalen durch die Dampfwalze des Nationalen ist, dann würde das entweder das völlige Überbordwerfen des „Israelitums“ bedeuten – wenn nicht in der ersten Generation, dann in der zweiten – oder aber einen grundlegenden Bedeutungswandel des Begriffs „Israel“.

Gabriel S Moses, Planet, 2013 aus der ID Festival-Ausstellung „Heritage Pop up“ von „Die asporas“

Gabriel S Moses, Planet, 2013
aus der ID Festival-Ausstellung „Heritage Pop up“ von „Die asporas“

Ofri: Am Ende kann man sich selbst und seinem Ort in der Welt nicht entfliehen. Das Bild, das sich Deutschland von uns macht, ist voll und ganz von der „Vergangenheit“ geprägt. Ich meine damit nicht bloß die Shoah, sondern die lange Geschichte der Beziehungen zwischen „Deutschland“ und „Israel“ – nicht nur mit dem Staat Israel, sondern mit dem Volk Israel. Vielleicht ist das trivial, aber hin und wieder sollte man sich daran erinnern: Berlin liebt mich nicht, weil ich begabt bin oder klug, oder weil ich gutes Englisch spreche oder gar einen schönen Arsch habe. Es liebt mich wegen Erzvater Abraham und Heinrich Himmler. Du bist letztlich eine Phantasie von jemand anderem. Nur ihretwegen passiert das alles. Man kann so leben, als ob das alles nicht existiert, aber mir scheint, dass das eine große Verdrängungsleistung erfordert.

Elad: Aber in gleichem Maße ist auch der „Andere“ – in diesem Fall „Deutschland“ – eine Phantasie von mir. Und weit mehr noch fungieren sowohl ich als auch der Andere innerhalb einer Phantasie, die nicht nur unsere ist, sondern auch für sich selbst steht. Und das kann man Geschichte nennen oder, wie du sagst, „Vergangenheit“, in Anführungszeichen. Die Anführungszeichen sind hier wichtig, denn es ist eigentlich nicht vergangen, sondern die Grundlage der Geschichte, die sich jetzt ereignet. In vielerlei Weise wird die „Vergangenheit“ aus der Geschichte der Gegenwart heraus geschrieben. Und in der Gegenwart lassen sich viele verschiedene Geschichten schreiben, mit verschiedenen Lesarten der „Vergangenheit“, darunter verschiedene mögliche Phantasien davon, was genau „Deutschland“ und was genau „Israel“ ist. Man hat hier eine Wahl. Und genau darin liegt jetzt vielleicht die grundlegende Entscheidung.

Dr. Elad Lapidot und Dr. Ofri Ilany organisieren und moderieren auf dem ID-Festival die Veranstaltungsreihe „Philosophisches Kabarett“. Lapidot ist Übersetzer und Dozent für Philosophie und Talmud in Berlin. Ilany ist Historiker und erforscht das Verhältnis der deutschen Kultur zur Bibel und zum Volk Israel.

Übersetzung: Jan Eike Dunkhase

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