“Sehnsucht nach einer komplizierteren Version”

Sie ist mit ihrem Israelitum beschäftigt, hält das Thema aber für ausgeschöpft. Er erforscht sein Judentum, verzichtet aber lieber auf Definitionen. Warum erscheinen Israelis und Juden in Berlin oftmals wie Parallellinien? Ein Gespräch mit den Filmemachern Yael Reuveny und Micki Weinberg

Beide leben in Berlin, beide sind Filmemacher, beide sind Juden. Und dennoch, in einem bestimmten Stadium des Gesprächs, sagt Yael Reuveny zu Micki Weinberg: „Ich höre dich sprechen, und eigentlich sind wir uns sehr unähnlich. Du bist sozusagen der echte Jude und ich bin eine Lumpenjüdin, die man in die Wäscherei des Nahen Ostens gegeben hat und mit der Sparversion entließ: ,Lerne Bibel in der Schule und damit schließen wir’s ab.’ Meine Erfahrung ist viel stärker israelisch, Judentum ist nur ein Aspekt davon.“

Wer es von außen betrachtet, stellt überrascht fest, dass Israelis und Juden in Berlin oftmals wie Parallellinien erscheinen. Nicht dass Weinberg in irgendeiner Weise die lokale jüdische Gemeinde repräsentiert: Seine Wurzeln sind zwar europäisch, aber er selbst wurde in Los Angeles geboren, studierte in Berkeley und zog dann nach Jerusalem – dort ging er erst an die Mirrer Jeschiwa, später studierte er einen Masterstudiengang an der Hebräischen Universität.

Reuveny: „Du bist zum Glauben zurückgekehrt?“

Weinberg: „Ich wuchs in einer Familie mit Kopfbedeckung auf.“

Reuveny: „Also bist du auch gar nicht vom Glauben abgefallen?“

Weinberg: „Nimm’s nicht persönlich, aber ich hasse derartige Fragen.“

Reuveny: „Wie die, warum du in Berlin wohnst, richtig?“

Weinberg: „Die auch, aber insbesondere Fragen, die mit dem Judentum zu tun haben, das etwas sehr schwer zu Definierendes ist; jeder Mensch verfügt über eine Vielzahl von Aspekten, was seine oder ihre Identität anbelangt.“

Yael Reuveny, 35, lebt seit etwa zehn Jahren in Berlin Ihr Dokumentarfilm Schnee von gestern wird auf dem ID Festival gezeigt Miki Weinberg, 31, lebt seit vier Jahren in Berlin Sein Kurzfilm I Hear the Synth in East Berlin wird auf dem ID Festival gezeigt

Yael Reuveny, 35, lebt seit etwa zehn Jahren in Berlin
Ihr Dokumentarfilm Schnee von gestern wird auf dem ID Festival gezeigt
Micki Weinberg, 31, lebt seit vier Jahren in Berlin
Sein Kurzfilm I Hear the Synth in East Berlin wird auf dem ID Festival gezeigt

Reuveny, Absolventin der Sam-Spiegel-Filmhochschule in Jerusalem, die schon fast ein Jahrzehnt in Berlin lebt, stammt aus Petach Tikva. „Dass ich hierhergekommen bin, hat vielleicht zum Teil auch mit einer Sehnsucht nach einer komplizierteren Version zu tun. Meine einen Großeltern kamen aus Litauen und Polen und die anderen aus Bagdad. Wie der ganze Staat durchliefen sie eine Auslöschung des Diasporajudentums, damit ich werde, was ich bin: Wahnsinnig israelisch, Sabra durch und durch, ich heiße Yael Reuveny und ich schwimme im Meer und gehe zur Armee, und dann bin ich auch noch ein Mix, ich bin wie der feuchte Traum von Ben-Gurion… Aber jetzt, aus dieser Sicherheit heraus, kann ich sagen, dass man mir auch etwas genommen hat, eine kompliziertere, diffusere Version. Meine Mutter und meine Großmutter sprachen Jiddisch miteinander und ich nicht. Ich habe mich immer dazu hingezogen gefühlt, gerade aus dem Ultra-Israelischen heraus.“

Obwohl oder vielleicht weil ihr Film sich ausgiebig mit dieser Sehnsucht befasst, denkt sie, dass er den „Test des ‚chinesisches Zuschauers‘ besteht, wie man das im Filmstudium nennt. Eine der interessantesten Vorführungen fand gerade im Kosovo statt, vor einem vorwiegend muslimisch-albanischen Publikum. Ich fragte mich, ob die Story sie interessieren würde. Nach der Vorführung schrieb mir jemand: ‚Unser Krieg ist noch nicht lange her und wir denken, dass das nur uns betrifft, aber wir verstehen nicht, dass auch unsere Enkel noch mit ihm befasst sein werden.‘ Er meinte, dass der Film schwer für die Leute im Publikum war, da sie ihre eigene Zukunft vor sich sahen.“

Weinbergs Film hingegen scheint, oberflächlich betrachtet, das Judentum nicht zu berühren, wenngleich es aus seiner Sicht voll und ganz gegenwärtig ist: „Der Film vertieft sich in die kritische Tradition des Judentums, in Midrasch und Aggada. Er kritisiert die Herrschaftsstruktur des westlichen Kapitalismus, der vermeintlich die Freiheit von Wort und Tat zu fördern trachtet, aber de facto gehorchen wir eigentlich alle dem Nonkonformismus. Wir sind die Agenten, die wider Willen das vernichten und zerstören, was wir retten wollen. Ich mag es, dieses Paradox durch den jüdischen Blickwinkel zu analysieren, durch einen Unterbau, der uns nicht vorschreibt, was wir denken sollen.“

Reuveny: „Das ist jüdisch, Raum zu lassen für unabhängige Gedanken?“

Weinberg: „Dieser Unterbau findet sich in Bibel und Midrasch. Nicht an jeder Stelle – es gibt auch eine sehr dogmatische Seite in der jüdischen Literatur, aber was die jüdische Hermeneutik (Lehre der Auslegung) besonders macht, ist, dass es kein Dogma gibt.“

Reuveny: „Sich auf die israelische Geschichte zu fokussieren, das ist wie der Elefant und die Ameise, die gemeinsam in der Wüste laufen, und die Ameise sagt, ‚Schau, wie viel Staub wir aufwirbeln‘“

Reuveny: „Sich auf die israelische Geschichte zu fokussieren, das ist wie der Elefant und die Ameise, die gemeinsam in der Wüste laufen, und die Ameise sagt, ‚Schau, wie viel Staub wir aufwirbeln‘“

Reuveny schreitet, ihren eigenen Worten nach, „im Krebsgang“ zum nächsten Projekt fort: „Ich habe mehr als sechs Jahre an dem Film gearbeitet, und es ist sehr schwer, wieder in ähnlicher Weise versenkt zu sein. Ich beginne gerade eine Recherche über Birobidschan, die Hauptstadt des jüdischen Autonomiebezirks in Russland; es interessiert mich, den Zionismus aus anderer Perspektive zu betrachten, die abstrakte Idee, Juden an den Boden zu binden. Da Israel etwas so kompliziertes und problematisches an sich hat, ist es wie ein Minenfeld: Du sagst etwas, und sofort gibt es eine Kette von Explosionen – ich habe die Phantasie, zu versuchen, von dort über die Dinge zu sprechen.“

Währenddessen kann man sagen, dass sie das Gerede von den „Israelis in Berlin“ satt hat: „Mein Israelitum in Berlin ist ein Teil des Films, und ich habe lange gebraucht, den für mich richtigen, sehr persönlichen Ton zu finden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich Repräsentantin irgendeines ‚Phänomens‘ bin, und auch die Gründe, aus denen die Leute sich dafür interessieren, sind mir unangenehm. Ich will mich nicht naiv stellen, aber ein wenig hat mich dieser Eifer, mit dem jeder auf dieses Thema anspringt, doch überrascht und verstört: Wie gut hat es den Israelis getan, die so wahnsinnig gern sagen wollen, dass eine verwöhnte Generation dem Land den Rücken kehrt; und den Deutschen, die sich so wahnsinnig gern mit ihrer Vergangenheit im Reinen fühlen wollen. Und immer lautet die Frage, ob du Israel aus politischen Gründen verlassen hast, als ob Israel das Böse und Rechte schlechthin wäre und wir in die Arme des pluralistischen Deutschlands fliehen würden… Israel ist noch immer nicht Iran. Ich bin gegangen, aber ich bin keine Deutsche. Und mehr als das – mich verlangt es auch gar nicht danach, Deutsche zu sein, ich will meinen Akzent gar nicht ablegen. Meine Entscheidung, hierher zu ziehen, bedeutet nicht ‚Ich will so sein wie ihr‘. Ich will hier sein, mit euch sein, Teil dieser Sache sein, aber ich will nicht wie ihr sein.“

Weinberg: „Die Identitätsfrage ist nicht fair, da sie so reduktionistisch ist. Was ist das, ein Deutscher − jemand, der in Schlesien geboren wurde, das jetzt in Polen liegt? Jemand, der Deutsch spricht, über ein Jahrtausend lang in Rumänien war, in Siebenbürgen, von Ceausescu vertrieben wurde und nach Deutschland ‚zurückgekehrt‘ ist? Ein Jude war immer ein Jude, auch wenn wir es nicht wollten war es so.“

Reuveny: „Aber in dieser Hinsicht bin ich Israelin wie meine französischen Freunde Franzosen sind.“

Weinberg: „Hast du keine Verbindung mit mir?“

Reuveny: „Doch, aber ich habe eine Verbindung mit vielen Leuten.“

Weinberg: „Aber wenn du nach Deutschland oder Amerika kommst und du hast ein Problem, weißt du, dass sich die jüdische Gemeinde um dich kümmert. Spürst du nicht eine Verbindung zum jüdischen Volk?“

Reuveny: „Es gibt da ein Sicherheitsnetz und ein Gefühl, dass du Teil von etwas bist, aber das ist nicht die zentrale Komponente in meinem Leben. Du fragst mich, ob ich in der Not zu Chabad oder zur israelischen Botschaft gehen würde? Ich würde zur Botschaft gehen.“

Weinberg: „Viele Israelis kommen hierher, um der jüdisch-israelischen Welt zu entfliehen, und auf einmal sprechen sie die ganze Zeit über die israelische und die jüdische Identität. Das ist eine Verantwortung, der man sich nicht entziehen kann.“

Reuveny: „Ich weiß, dass mehr und mehr Leute, die in den letzten Jahren gekommen sind, dazu neigen, gemeinsam Dinge zu tun, einen gemeinsamen Nenner zu suchen. Aber sofern ich mich selbst als Teil dieser Bewegung sehe, dann ist sie sehr viel breiter und nicht notwendigerweise auf Israelis beschränkt. Viele meiner Freunde hier sind Kunstschaffende – aus Kolumbien, aus Schweden, aus Frankreich. Auch innerdeutsche Migration gibt es hier in Fülle. Sich auf die israelische Geschichte zu fokussieren, das ist wie der Elefant und die Ameise, die gemeinsam in der Wüste laufen, und die Ameise sagt ‚Schau, wie viel Staub wir aufwirbeln‘. Dieses Thema, Israelis in Berlin, ist nur insoweit gut, als es eine interessante Diskussion in Gang bringt. Darüber hinaus – ist es ausgeschöpft.“

Fotos: Kfir Harbi
Übersetzung: Jan Eike Dunkhase

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