„Jeder soll für einen Moment fühlen, dass er nichts versteht“

Wie möchten sie lieber vorgestellt werden – als Künstler aus Deutschland oder aus Israel? Was für eine neue Sprache haben sie für ihre Performance erfunden? Und worin besteht die neue Energie, die sie in der israelisch-berlinerischen Kultur erkennen? Ein Gespräch mit Matan Zamir und Gal Naor

Nach beinahe eineinhalb Jahrzehnten in Berlin ist es Matan Zamir meist lieber, wenn man ihn bei seinen internationalen Auftritten als Tänzer-Choreografen aus Deutschland vorstellt: „Ich glaube nicht, dass es irgendwas Israelisches an meinem Werk gibt. Mein Ensemble ist hier und ich arbeite hier, und die Einflüsse auf meine Arbeit sind ebenfalls von hier.“ Gal Naor, seinem Partner und Lebensgefährten, geht es genau umgekehrt: „Nie würde ich als Choreograf aus Deutschland bezeichnet werden wollen. Egal, was ich mache, wie weit das von allem Israelischen entfernt ist – ich möchte, dass man gerade deswegen weiß, dass ich Israeli bin.“

Ganz einfach, oder? Eben nicht. Es gibt einen großen Unterschied zwischen den „Visitenkarten“ der Beiden und den alltäglichen Fragen und Herausforderungen: „Ich versuche, meine komplizierten Seiten oder Identitäten gelten zu lassen, es fällt mir schwer, mich als etwas Bestimmtes zu definieren“, sagt Zamir. „Es ist mir viel lieber, mich identitätslos als mit irgendwas ganz Bestimmtem identifiziert zu fühlen.“ Auch Naor zieht es vor, die Grenzen auszuweiten: „Meine Identität als Jude ist etwas, worauf ich stolz bin und woraus ich Inspiration schöpfe, aber ich mag es auch, dass meine Identität sich aus Mehrerem zusammensetzt – Israeli, ‚‘based in Berlin‘, Queer-Performance-Artist. Es gibt in Berlin so viele Leute, die sich fremd und gleichzeitig zugehörig fühlen, zwei Gegensätze, die einfach keine sind; und man kann sich darin ausruhen, man muss sich nicht entscheiden.“

Matan Zamir, 37, lebt seit 14 Jahren in Berlin Gal Naor, 29, lebt seit vier Jahren in Berlin Choreografen und Mitwirkende der Tanz-Performance bodieSLANGuage (in Kooperation mit matanicola und The Progressive Wave)

Matan Zamir, 37, lebt seit 14 Jahren in Berlin
Gal Naor, 29, lebt seit vier Jahren in Berlin
Choreografen und Mitwirkende der Tanz-Performance bodieSLANGuage (in Kooperation mit matanicola und The Progressive Wave)

Zamir, innerhalb der israelischen Gemeinde in Berlin so etwas wie ein Pionier, kam infolge einer Tel Aviver Aufführung von Sasha Waltz in die Stadt. Nach einer intensiven Woche als Zuschauer und Gasttänzer ihres Ensembles nahm er ein Arbeitsangebot der deutschen Choreografin an, das ihm eine Woche Zeit ließ, seine Dinge in Israel zu regeln und nach Deutschland zu fliegen. In dem Ensemble lernte er dann Nicola Mascia aus Italien kennen und die beiden gründeten gemeinsam das erfolgreiche Duo matanicola, dessen erster Auftritt bereits im August 2005 in Berlin stattfand.

Naor, der an der Schule für Visuelles Theater in Jerusalem studierte, hat als Enkel zweier Gehörloser gelernt, in der Gebärdensprache zu kommunizieren – sowohl bei seinen Großeltern als auch in einem besonderen Studiengang der Bar-Ilan-Universität. „In der Zeit  meines Studiums suchte ich meine Stimme, und ich traf die Entscheidung, bei meinen Auftritten nur noch die Gebärdensprache zu verwenden“, erzählt er. 2010 arbeitete er im Rahmen einer Produktion auf dem Akko-Festival mit matanicola zusammen und beschloss, seiner neuen Liebe Matan nach Berlin zu folgen und dort zu leben.

Die Entscheidung zur Verwischung oder Vermischung von Identitäten kommt auch in ihrer jetzigen Festival-Produktion zum Ausdruck, die die Verschiedenheit ihrer Darsteller zelebriert. Naor: „Wir haben Tänzerinnen aus Japan, Spanien und Litauen, Tänzer aus Italien, Deutschland, Portugal und Finnland, und daneben die Identitäten des Hörfähigen, des Gehörlosen und des Queers.“

Die Produktion nennt sich bodieSLANGuage – eine Kombination der englischen Wörter für Körper und Sprache, die in sich ein drittes Wort erzeugt – Slang. Während der Proben haben die Mitwirkenden neue Wörter in der Gebärdensprache erfunden, um die Bewegungen und Sequenzen zu beschreiben, an denen sie gearbeitet haben. „Slang ist eine Sprache, die von unten kommt, von der man nicht sagen kann, ob sie richtig oder falsch ist“, erklärt Naor.

Hinter dem Werk steht der Wille, eine neue gemeinsame Sprache zwischen den beiden ihrer Natur nach physischen Sprachen schaffen – dem Tanz und der Gebärdensprache. „Wir haben uns auf eine Reise begeben, um eine ‚dritte Sprache‘ zu suchen, einen Hybrid zwischen beiden“, so Zamir. „Diese Reise hat viele Formen und Bilder hervorgebracht, die am Ende zu einer Sprache wurden, die man verstehen und mit der man kommunizieren kann, eine neue tänzerische Sprache.“

Zamir: „Es ist mir viel lieber, mich identitätslos als mit irgendwas ganz Bestimmtem identifiziert zu fühlen.“

Zamir: „Es ist mir viel lieber, mich identitätslos als mit irgendwas ganz Bestimmtem identifiziert zu fühlen.“

„Wir nehmen die Gehörlosen-Identität als Ausgangspunkt, um etwas über Identität an sich zu sagen“, fügt Naor hinzu. „Die Herausforderung liegt darin, die Gebärdensprache, die eine Sprache für sich ist, vom Narrativen ins Unterbewusste zu bringen.“

Die Performance ist so aufgebaut, dass sie mal von den Gehörlosen besser verstanden wird und mal nur von den Hörfähigen. „Wir wollten, dass jeder Zuschauer einen Moment erlebt, in dem er spürt, dass er nichts versteht“, so Zamirs abschließende Aussage, die auch als Metapher für die Migranten inhärente Frustration verstanden werden kann.

Knospen einer neuen Kultur

Zamir und Naor sind sich nicht sicher, ob Berlin für immer ihr Zuhause bleiben wird, aber im Moment fühlen sie sich jedenfalls gut, gut genug, um nicht den Drang zu verspüren, ein Leben anderswo zu versuchen. „Berlin ist die Basis, das Zuhause, und es macht immer Spaß, nach Tourneen hierher zurückzukehren“, sagt Zamir, und Naor bekräftigt dies: „Diese Stadt ist einfach ein Geschenk, ein Riesengeschenk. Sein, wer wir sind, ein verheiratetes Paar, sein wer wir sind, aber ohne diese Blicke, das ist der Ort.“

Fühlen sie sich als Teil einer israelischen Gemeinschaft in Berlin oder, spezifischer, einer israelischen Künstlergemeinde in Berlin? „Rein technisch bin ich Teil der ‚israelischen Künstlergemeinde in Berlin‘, da ich Künstler bin, Israeli bin und in Berlin lebe, aber ich hege keinerlei Gemeinschafts- oder Zugehörigkeitsgefühle in Bezug auf eine bestimmte Gruppe“, erklärt Zamir. In den ersten Jahren hatte er auch fast keine israelischen Freunde in der Stadt, „aber das änderte sich, als ich kam“, lacht Naor.

Naor: „Wir haben Tänzerinnen aus Japan, Spanien und Litauen, Tänzer aus Italien, Deutschland, Portugal und Finnland, und daneben die Identitäten des Hörfähigen, des Gehörlosen und des Queers“

Tatsächlich aber meint der alteingesessene Zamir in Berlin Knospen eines neuen israelisch-berlinerischen kulturellen Zentrums zu erkennen. „Das ist noch sehr frisch, aber ich spüre die Energie. Es gibt da eine Basis, ein Polster, eine Wiege israelisch-berlinerischen Kunstschaffens, und das ist großartig. Ich glaube, dass diese neue Kreativität von einer genuinen Energie aus Israel zehrt, etwas leicht Dreckigem, aber es liegt in ihr auch eine neue Ruhe. In Berlin tun sich die Leute oft zusammen, um Kraft zu bekommen und Abende oder neue Projekte zu gestalten. In Tel Aviv hält wirklich jeder das fest, was er hat, lässt nicht los, und es gibt auch fast keine Orte, an denen man sich zusammentun kann, da die Leute Angst haben um ihr Stück vom Kuchen.“ Wenn man beharrlich bleibt, deutet Zamir auch an, was die israelische Kunstszene auszeichnen könnte: „Sie hat keine Angst, ab und an zu nerven oder polemisch zu werden. Ich habe das Gefühl, dass viele Europäer eben davor Angst haben, es gleichzeitig aber liebend gern betrachten.“

Ich habe nicht das Gefühl, dass man mir etwas schuldig ist

Die starke Präsenz der Vergangenheit in ihrem Leben und in der neuen israelisch-berlinerischen Kultur leugnen die Beiden nicht, persönlich aber versuchen sie, sie nicht zum ständigen Lebenshintergrund werden zu lassen: „Ich denke, dass die Shoah den frischen Emigranten aus Israel präsent ist, sei es in Form von Witzen oder einem bestimmten Vibe des Ihr seid mir etwas schuldig‘“, sagt Naor. „In meinem ersten Jahr in der Stadt war ich voll im Israel-Modus, und ich verstand, dass ich alles, was ich kenne und weiß, deinstallieren muss. Auf einmal betrachtete ich alles in einer sehr viel größeren Auflösung: Ich verstand, dass ein Teil dessen, was mir als Israeli anhaftete, nicht wirklich zu mir gehört. Ich musste mich erst in die Pixel hineinbegeben und einen neuen schöpferischen Anfang machen.“

„Die Europäer haben kein Problem, hierher zu emigrieren, und sind weitaus entspannter“, fügt Zamir hinzu. „Wir, die Israelis, haben hingegen ein wenig das Gefühl, dass es uns zusteht, hier zu sein. Ich persönlich bin dankbar für die Möglichkeit, hier zu leben, von der Kultur zu empfangen. Ich habe nicht das Gefühl, dass man mir etwas schuldig ist, dass ich etwas fordern soll; ich habe das Gefühl, ich kann mich einfach einfügen, in gleichwertiger Weise nehmen und geben.“

Fotos: Kfir Harbi
Übersetzung: Jan Eike Dunkhase

Hebräisch עברית

ID Festival

תגובות