„Israel ist einfach nicht mehr *das* Thema“

Welche Themen brennen ihnen unter den Nägeln? Wie beeinflusst die Fremdsprache die künstlerische Produktion? Bevorzugen sie die Zusammenarbeit mit Israelis? Und wem gelingt es nicht, emotional darin involviert zu sein, was in Deutschland geschieht? Ein Gespräch mit Niva Dloomy und Sivan Ben Yishai

[Drinnen, tagsüber, eine Seitenstraße in Neukölln. Sie sitzen in der Küche der Wohnung, in die Ben Yishai einige Tage zuvor gezogen ist. Ein heißer Sommernachmittag]

Erste Szene

Eure Stücke auf dem Festival widmen sich universellen Fragen. Habt ihr die Themen „Israelis in Berlin“, Migration und Identität ausgeschöpft oder ist das eine methodische Pause?

Dloomy: „Das ist einfach so passiert. Wir haben nicht gesagt ‚Ähm, Israelis in Berlin – tschak. Emigration – abgehakt‘ (sie lacht und macht mit dem Finger ein Häkchen). Es geht darum, was interessant, dringlich ist: Ich bin gekommen, ich bin hier; ich denke darüber nach, dass ich fremd bin und was das bedeutet, was leichter und was schwerer ist, aber es kommen immer mehr Dinge hinzu. In dem Stück gibt es Raum für Israel, aber es ist einfach nicht mehr das Thema.“

Ben Yishai: „Die zentrale Figur unseres Stücks ist jemand, der Israel verlassen hat, nach Berlin gekommen ist und entdeckt hat, dass die Welt und die menschliche Gesellschaft dieselben sind. Das radikale Berlin sitzt in den Cafés, aktualisiert Lebensläufe und schaut der Räumung des Flüchtlingsheims in der Ohlauer Straße zu. Aus der Einsicht, dass er diese Enttäuschung nicht nochmal ertragen kann, emigriert er in sein eigenes Inneres – in ein Zimmer, dessen Türen verschlossen und dessen Fenster nur für die virtuellen Welten geöffnet sind. Das Stück beschäftigt sich mit alternativem Raum, einem letzten Emigrationsziel, das nicht von nationaler Identität und physisch existierenden Menschen besetzt ist, einem Hohlraum, in dem der Performer sich eine eigene Welt gestaltet. Darin gibt es viel Zorn, Schmerz, Enttäuschung, aber auch Liebe zu zwei Kulturen, die er sozusagen hinter sich gelassen hat: Sie bilden das Fundament seines Bewusstseins, aber er ist abgesondert in seinem Zimmer eingesperrt – in der letzten Welt, in die man noch auswandern kann, ohne sich selbst zu verlieren. Die wichtigsten Beziehungen, die er unterhält, sind die mit dem Objekt, in dem er sitzt: ein Stuhl, der alle seine Bedürfnisse befriedigt – die physischen, die sexuellen, die intellektuellen; Essen, Trinken, Unterhaltung, Gespräche – alles.“

Sivan Ben Yishai, 37, lebt seit drei Jahren in Berlin Gemeinsam mit Amit Jacobi und Moran Sanderovich schrieb und inszenierte sie I Know I’m Ugly, but I Glitter in the Dark Niva Dloomy, 32, lebt seit fünfeinhalb Jahren in Berlin Gemeinsam mit Hila Golan, Ariel Nil Levy und Adar Aviam kreierte sie das Stück Save Your Love, in dem sie auch mitspielt

Sivan Ben Yishai, 37, lebt seit drei Jahren in Berlin
Gemeinsam mit Amit Jacobi und Moran Sanderovich schrieb und inszenierte sie I Know I’m Ugly, but I Glitter in the Dark
Niva Dloomy, 32, lebt seit fünfeinhalb Jahren in Berlin
Gemeinsam mit Hila Golan, Ariel Nil Levy und Adar Aviam kreierte sie das Stück Save Your Love, in dem sie auch mitspielt

Bei den beiden Produktionen arbeitet ihr hauptsächlich mit Israelis. Arbeitet ihr sonst auch mit Nicht-Israelis?

Dloomy: Wir arbeiten nicht mit Leuten, nur weil sie Israelis sind, aber die Unmittelbarkeit der Arbeit mit Israelis hat schon etwas.“

Ben Yishai: „Ich empfinde mein unabhängiges Schaffen als etwas, das ich überall mit hinnehmen kann und das es mir erlaubt, mich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Im Moment beschäftigt mich, dass ich Emigrantin bin: Das ist nicht meine Sprache und Kultur und ich setze mich mit dem Abschied von der Vergangenheit auseinander, bin mit der Gegenwart konfrontiert und mit dem Blick in die Zukunft. Diese Themen ergänzen einander, und es kann sein, dass ich mich animiert fühle zur Arbeit mit jemandem, der eben das durchmacht – Israeli, Spanier oder Italiener −, um mich damit auseinanderzusetzen.“

Behindert die Fremdheit den Erfolg im Theater hier?

Dloomy: „Das ist der 85. Artikel, den ich darüber mache, dass ich Israelin in Berlin bin – auch ein Weg, meine Arbeit bekannt zu machen. Ich glaube nicht, dass du keinerlei Chance hast, wenn du nicht deutschsprachig bist, es ist einfach eine andere Chance. Dass du fremd bist, ist auf jeden Fall etwas, das du realisieren musst, bevor du ins System reingehst. Nicht, dass es unmöglich ist, jenseits der ‚Israelis in Berlin‘ Gelder zu bekommen, Stipendien, ein Publikum oder PR – es ist möglich: Wir haben hier zwei Produktionen voll finanziert bekommen. Aber es ist schwieriger, eindeutig.“

Ben Yishai: „Ich glaube, dass es im deutschen Theater Platz und auch Nachfrage gibt für die Stimme des ‚Ausländers‘ als Teil der Mehrstimmigkeit, aus der sich die deutsche Kultur zusammensetzt. Aber man verbringt sein ganzes Leben, eine Wegstrecke von 30 Jahren an einem Ort, schafft sich ein Umfeld, Beziehungen, vertieft sich in eine Sprache und in eine Kultur, und dann steht man eines Tages auf, entwurzelt sich, wechselt in eine neue Gesellschaft und muss Dinge lernen, die andere, von dem neuen Ort, in ihren vergangenen dreißig Jahren gelernt haben.“

Dloomy: „Stimmt.“

Ben Yishai: „Ich benutze das, um mich nicht vom Handicap her zu erleben, sondern als andere Stimme. Ich stecke noch bis zum Hals im Thema Emigration. Das ist die Sache, mit der es mich am meisten interessiert mich zu beschäftigen, – mit dem Anderssein, der Enttäuschung, der Angst, und ich benutze die Andersartigkeit meiner Stimme, um zu verstehen, zu lernen, worin sie anders ist, sie zu entwickeln und zu schärfen, damit sie eine relevante Stimme in einem vielstimmigen Diskurs wird.

Bedeutet Emigration nur Angst, Schwäche, Handicap?

Ben Yishai: „Ich erfahre das in unterschiedlichster Hinsicht. Zurückgezogenheit wie in dem Stück – der Exilant, der auf einer Bergspitze sitzt und beobachtet und aus einer gewissen kulturellen Isolation heraus arbeitet; ich begreife das auch als Stärke, etwas Befreiendes und Erhellendes, als Abwerfen aller Altlasten; und auch von dem Moment tiefer Enttäuschung aus, die meiner Meinung in jeder Emigration enthalten ist: Wohin wir auch kommen, warten Menschen, Probleme, Ungerechtigkeiten; die Einsicht, dass die Emigration nichts daran ändert, die Konfrontation mit der Welt und dem, was sie für einen bereithält, und unserer Seele und dem, was sie für uns bereithält – die Träume, die Kindheit, die Eltern, die Leute, der Missbrauch, der Rassismus – es ist dieselbe Konfrontation. Und dann entscheiden wir uns, ob wir in Israel bleiben und innerhalb des Hauses dagegen ankämpfen, in klebriger Bekanntschaft, oder an einen anderen Ort gehen, Zweige wachsen lassen und sagen: ‚Dieser Ort ist im Moment ein bisschen besser. Vor siebzig Jahren war er weniger gut, jetzt ist er besser‘.“

Zweite Szene

Lasst uns über die Sprache sprechen: Die beiden Stücke sind auf Englisch.

Dloomy: „Wir fangen immer auf Hebräisch an, auch bei den Stücken, die wir hier auf Deutsch gemacht haben, und auch bei denen auf Englisch. Sobald die Monologe und die Texte stehen, werden sie übersetzt, und dann kommt es auf die jeweiligen Anforderungen an. Von dem Moment an, in dem es eine Basis gibt und die Dinge klar sind, fangen wir an, auf Englisch zu arbeiten und Sachen hinzuzufügen.“

Ben Yishai: „Ich schreibe jede Woche Entwürfe und schicke sie Amit Jacobi, meinem Partner. Einmal schrieb er mir: ‚Hör zu, fang an das Hebräisch loszulassen… Du steckst so tief in den Feinheiten der Sprache und spielst mit ihnen – etwas wie chalulim u-nekavim, chalalim u-nekavot kannst du nicht übersetzen, damit kannst du nichts anfangen.‘ Danach habe ich begonnen, auf Englisch zu schreiben, und jetzt schreibe ich nur noch auf Englisch. Ich versuche mich in das Englische zu vertiefen, wie ich es verstehe. Einen der Texte für die Vorstellung habe ich angefangen ins Hebräische zurück zu übersetzen und der Text wurde zweieinhalb Mal so lang. Als ich ihn in den israelischen Kontext brachte, eröffnete sich auf einmal etwas Neues, sowohl in sprachlicher als auch inhaltlicher Hinsicht.“

Ben Yishai: Die tiefe Enttäuschung ist meiner Meinung nach in jeder Emigration enthalten

Macht die Fremdsprache das Schreiben also oberflächlicher, flacher?

Dloomy: „Ich glaube schon, dass es eine Herausforderung ist, in einer Fremdsprache aufzutreten oder kreativ zu sein. Das bedeutet eine Konfrontation, die einen aus der Bequemlichkeit herausholt. Man muss sehr viel konzentrierter und genauer sein, viel mehr aufpassen. Save your Love wurde erstmals hier in Berlin aufgeführt, und dann haben wir das Stück in Israel auf die Bühne gebracht, auf Hebräisch; das war, nachdem ich eine lange Zeit nicht auf Hebräisch gespielt habe, und das bedeutet sehr große Freiheit. Ich habe das geschätzt, aber es war auch fast ein wenig zu einfach. Ich bin nicht hierhergekommen, um nicht auf Hebräisch aufzutreten, und davor dachte ich auch nicht daran, nicht auf Hebräisch zu arbeiten, aber es ist eine Herausforderung. Sie macht viel, aber nicht oberflächlicher.“

Ben Yishai: „Für mich ist die Sprachfrage eines der sensibelsten Themen, das ist der Punkt, an dem es mir wirklich wehtut, von Israel Abschied zu nehmen. Ich sage mir die ganze Zeit, sowohl wenn ich auf Englisch unterrichte als auch wenn ich auf Englisch schreibe, eben das ist der Beweggrund von Samuel Beckett, auf Französisch zu schreiben: den Automatismus des Schreibens in der Muttersprache, die Flucht vor dem Inhalt in die Form hinter sich zu lassen. Das tröstet mich sehr. Ich versuche, diesen Wechsel nicht als Einschränkung, sondern als Hebel zu betrachten. Aber klar, dass ich das nicht nur genieße, das ist nicht leicht. Ich freue mich sehr, dass wir gerade Hebräisch sprechen − das macht Spaß.“

Dloomy: „Das ist der 85. Artikel, den ich darüber mache, dass ich Israelin in Berlin bin – auch ein Weg, meine Arbeit bekannt zu machen.“

Dloomy: „Das ist der 85. Artikel, den ich darüber mache, dass ich Israelin in Berlin bin – auch ein Weg, meine Arbeit bekannt zu machen“

Dritte Szene

Ben Yishai bezeichnet sich selbst als Emigrantin, Dloomy sieht sich mehr als Wanderin. Obwohl sie einen deutschen Pass besitzt und obwohl sie es eigentlich möchte, gelingt es Dloomy nicht, emotional darin involviert zu sein, was in Deutschland passiert („Mit den Jahren fühle ich mich ein klein wenig involviert, aber ich bin immer noch eine Fremde, eine Emigrantin, und habe kein Verhältnis zur Politik hier. Das stellt sich einfach nicht ein. Es interessiert mich wirklich und macht mich neugierig, aber es kann mich einfach nicht bewegen.“) Die Rückkehr nach Israel liegt bei beiden als Option in der Schublade – sie wäre aber Teil eines komplizierten Prozesses.

Dloomy: „Ich weiß nicht, warum dem Ort so große Bedeutung zukommt.“

Ben Yishai: „Nationalismus.“

Dloomy: „Ich weiß nicht, ob die Tatsache, dass ich Jüdin, Israelin, aus Rosh HaNikra oder Berlinerin bin, zu den ersten zehn Dingen gehört, die ich über mich sagen würde. Vielleicht fehlt mir dazu einfach der Bezug. Ich wohne irgendwo, und es gibt noch Tausend andere, interessantere Dinge.“

Ben Yishai: „Leider leben wir in einer Welt, die die Identitätsfrage nationalistisch angeht. Einmal habe ich am Flughafen Tegel auf meine Schwester gewartet und sofort kam ein Typ auf mich zu und fing an mit mir Hebräisch zu sprechen. Warum muss die Tatsache, dass wir eine Nationalität teilen, überhaupt die Grundlage sein für so einen einfachen Smalltalk? Aber in so einer Welt leben wir, das ist mehr oder weniger die Definition von Identität, das ist die dritte Frage, die man uns stellt.“

Dloomy: „Ja, aber ich glaube, die Frage ist hier, wie du dich selbst definierst.“

Ben Yishai: „Wie du dich selbst definierst, ist notwendigerweise davon beeinflusst. Wenn man dich immer fragt ‚Name, Alter, Nationalität‘, dann sagst du eben ‚Ich bin Sivan Ben Yishai, 37 Jahre alt und komme aus Tel Aviv‘. Diese Fragen kommen automatisch, aber wir können doch sagen, dass wir das untergraben.“

Fotos: Kfir Harbi
Übersetzung: Jan Eike Dunkhase

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