“Wie der Umzug von einer 40- in eine 160-Quadratmeterwohnung“

Warum haben sie Israel trotz ihres Erfolgs verlassen? Und worin liegt der wesentliche Vorteil ausländischer klassischer Musiker in Deutschland gegenüber anderen Künstler-Migranten? Ein Gespräch mit Alma Sade und Amihai Grosz

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass klassische Musiker einen signifikanten Teil der israelischen Künstlergemeinde in Berlin und in Deutschland darstellen. Das liegt nicht nur daran, dass ihre Kunst keine Anpassung an eine neue Sprache erfordert (was ebenso auf Tanz und Bildende Kunst zutrifft), sondern zu einem großen Teil auch daran, dass sie die deutsche Kultur bereits von zuhause mitbringen. „Klassische Musik ist so wichtig hier, dass wir, wenn wir sie spielen und singen, bereits Teil der deutschen Kultur sind“, sagt Alma Sade. Den Löwenanteil ihrer sechs Jahre in Deutschland hat sie in Düsseldorf verbracht, wo sie an der Deutschen Oper am Rhein gesungen hat. Aber wegen ihrer Beziehung mit Amihai Grosz, dem 1. Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker, und einem verlockenden Angebot der Komischen Oper zog sie nach Berlin.

Alma Sade, 34, lebt seit sechs Jahren in Deutschland Sopranistin im Ensemble der Komischen Oper und Solistin im ID-Festival-Orchester Amihai Grosz, 36, lebt seit sechs Jahren in Berlin 1.Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker und Solist im ID-Festival-Orchester

Alma Sade, 34, lebt seit sechs Jahren in Deutschland
Sopranistin im Ensemble der Komischen Oper und Solistin im ID-Festival-Orchester
Amihai Grosz, 36, lebt seit sechs Jahren in Berlin
1. Solo-Bratscher der Berliner Philharmoniker und Solist im ID-Festival-Orchester

„Ich sah mich nicht mein ganzes Leben in Düsseldorf verbringen, obwohl es in vieler Hinsicht eine wunderbare Stadt ist“, fügt Sade hinzu, die in Israel bekannter unter dem Namen Alma Muschunow ist; sie ist die Tochter des Schauspielers Moni Muschunow und der Schauspielerin Sandra Sade. Als sie nach Europa ging, legte man ihr nahe, den Namen ihrer Mutter zu verwenden, wegen des berühmten Tenors Gabi Sade, einem Onkel von ihr. Abgesehen von der Nähe zu Grosz sagt ihr die neue Lokalität auch deswegen zu, weil das Berliner Opernhaus liberaler ist als das in Düsseldorf. „Der Leiter der Oper, Barrie Kosky, ist Jude, Australier, schwul und genial. Er ist ein wundervoller Regisseur und die Arbeit mit ihm ungemein inspirativ“, sagt Sade.

Auch Grosz, der nach langen Jahren im Jerusalem-Quartett nach Berlin gekommen ist, hat die relativ leichte und schnelle Eingewöhnung genossen. Als er bloß an den Umzug nach Berlin zu denken begann, erschien ihm die Philharmonie „wie der Olymp“, doch schon nach einem Jahr im Orchester rückte er zum 1. Solo-Bratscher auf. Freilich ist er nicht allein – ein Drittel der Berliner Philharmoniker sind Ausländer. „Als Musiker hast du die Freiheit und die Möglichkeit dich zu integrieren, ohne groß darüber nachzudenken, wie du dich verhalten sollst.“

Wer sich in Israel für klassische Musik interessiert, kennt die Namen der Beiden, aber auch ihre herausgehobene Position ermöglichte es ihnen nicht, so zu leben wie sie wollen. „Als Opernsängerin kannst du dich in Israel nicht ernähren“, sagt Sade. „Ob prominent oder nicht, als Künstlerin, ganz gleich welchen Metiers, ist es sehr schwer, ein Auskommen zu finden. Israel produziert Künstler, und dann gibt es für sie nichts zu tun, es ist einfach schrecklich. Zu unserem Glück ist unsere Kunst eine internationale, so dass es für uns, anders als vielleicht für Schauspieler, Schriftsteller oder Dichter – ihn deren Kunst die Sprache zentral ist −, leichter ist, an einem anderen Ort zu arbeiten.“

Grosz schildert den Umzug von Israel nach Berlin beinahe wie einen Abschied von Klaustrophobie: „Das ist wie der Umzug von einer 40- in eine 160-Quadratmeterwohnung. Du hast Luft zum Atmen, und je mehr Luft ins Gehirn kommt, desto kreativer kannst du sein, man sieht mehr.“ Die Veränderung, zu der er sich entschloss, war aus seiner Sicht auch sehr praktischen Erwägungen geschuldet: „Ich will nicht ununterbrochen fliegen, ich tue das, seit ich 14 bin. Die Zahl der Reisen bei der Philharmonie ist gegenüber der des Quartetts gleich Null, und ich beschloss, dass ich an einem anderen Ort sesshaft werden wollte.“ Wenn man zu der Gleichung noch den frischen Familienzuwachs hinzurechnet, ihren gemeinsamen Sohn Daniel, gewinnt die Möglichkeit, schnell zu einem Konzert in einer anderen Stadt zu fahren und zurückzukehren, entscheidende Bedeutung. „Es ist sehr schwer, wirtschaftlich in Israel zu überleben, und wenn ich dort überleben will, muss ich öfter auftreten. Wenn ich öfter auftreten muss, muss ich auch öfter fliegen und kann infolgedessen weniger die Familie sehen, für dich ich so hart arbeite“, fasst Grosz zusammen.

Dennoch verzichtet er nicht auf Auftritte in Israel und Kooperationen mit Israelis. „Es ist mir wichtig, da das der Ort ist, an dem ich aufgewachsen bin, ein Publikum, das mich kennt und einen Spiegel meines früheren Lebens darstellt. Es lässt mich erkennen, was ich gemacht habe und was ich machen werde, und es macht auch Spaß. Im Februar, zum Beispiel, trete ich als Solist mit dem Jerusalemer Symphonieorchester auf, in dessen Konzerte ich mich schon als Vierjähriger hineingeschlichen habe. Der Bühnendirektor, der noch heute dort arbeitet, schmuggelte mich immer durch die Hintertür in die Konzerte. Und plötzlich bin ich da, trete als Solist auf.“

Grosz: "der Gedanke einer jüdischen Renaissance hat für mich eher etwas Amüsantes, ich fühle das aber noch nicht"

Grosz: "der Gedanke einer jüdischen Renaissance hat für mich eher etwas Amüsantes, ich fühle das aber noch nicht"

Naturgemäß gehören auch die israelischen Freunde der Beiden größtenteils zur Gemeinde der klassischen Musiker in der Stadt. „Als ich in Berlin ankam, war mein Instinkt, mich nicht in die israelische Gemeinde hineinzubegeben, da ich die Stadt intensiver fühlen und nicht in ähnlicher Weise abgeschottet sein wollte, wie ich mich oft in Israel gefühlt habe“, sagt Grosz. Sade hat sich gerade darauf gefreut, in eine Stadt voll mit Israelis zu ziehen, nachdem sie in Düsseldorf nur einen einzigen gekannt hatte.

Vielleicht genau weil sie so eng mit der lokalen Kulturszene verbandelt sind, fühlen sie sie nicht wirklich als Teil einer neu entstehenden israelisch-jüdisch-berlinerischen Kultur. „Objektiv betrachtet, kommen hier wirklich eine Menge israelische Künstler her, und es gibt hier ein sehr große Welle der Kreativität“, so Grosz. „Aber der Gedanke einer jüdischen Renaissance hat für mich eher etwas Amüsantes, ich fühle das noch nicht.“

„Da ich eine darstellende Künstlerin bin, nehme ich an der neuen jüdischen Kultur teil, ob ich will oder nicht“, sagt Sade. „Aber in Wahrheit beschäftige ich mich nicht allzu sehr mit meiner jüdischen Identität. Wir, die Juden, sind zu unserem Judentum verurteilt, ob wir wollen oder nicht.“ Dennoch hebt Sade hervor, dass sie doch Schwingungen einer jüdisch-kulturellen Auferstehung im Opernhaus spürt, die zum Teil schlicht mit dessen jüdischem Leiter zu tun haben. Neben anderem beginnt sie derzeit an einer Oper für Kinder mit dem Titel „Schneewittchen und die 77 Zwerge“ zu arbeiten, die die australisch-jüdische Komponistin Elena Katz Chernin komponiert hat. „Das ist neue Musik für Kinder, inspirierend und in recht jüdischem Geist, und ich freue mich, dabei mitzumachen.“

Beide ziehen es vor, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren und nicht allzu sehr an die entfernte Zukunft zu denken: „Im Moment sind wir in Berlin, wir haben eine feste Arbeit, wir haben ein Kind. Wir konzentrieren uns auf das Heute, nicht auf das, was in zehn Jahren kommt“, sagt Sade. Aber auf die Frage, was Daniel machen wird, wenn er groß ist, antwortet Grosz lächelnd: „Natürlich gibt es auch eine Geige im Schrank, und wenn er vier ist, wird er vier Stunden am Tag üben.“

Fotos: Kfir Harbi

Übersetzung: Jan Eike Dunkhase

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